Samstag, 7. Juni 2014

Schickt alle Monster in den unbefristeten Urlaub

Wer seine Chroniken in den diversen sozialen Netzwerken beobachtet, findet in letzter Zeit erstaunlich viele Bilder, Videos und Links mit angstmachenden Panik-Meldungen zu unterschiedlichsten Themen. Aber auch der Versuch von Einzelnen, Facebook mit Disney-Bildern zu füllen, um die negativen Posts für einen Tag zu verdrängen.

Das Schema scheint immer gleich: Irgendwo im Netz entsteht eine Gedanke, der von einzelnen umgedeutet und neu verpackt (z.B. als Video) und so viralfähig gemacht wird. Es werden Monster erschaffen, die sich so in unseren Timelines tummeln, wie damals die Gremlins im Kino oder das Krümelmonster im Fernsehen.

Matthias Burchhardt hat in seinem Essay „Das Medium ist das Monster“ (erschienen in APuZ Nr. 52/2013) folgende fünf Monsterbeispiele definiert, die uns medial begegnen:

Monsterbeispiel I: "Das Kopftuchmädchen" 
Das Kopftuch bzw. deren Trägerin. „Wer sich verbirgt, hat etwas zu verbergen – seien es patriarchale Unterdrückungsstrukturen, religiöser Fundamentalismus, integrationsunwilliger Traditionalismus oder gar ein Sprengstoffgürtel. Während das moderne westeuropäische Mädchen unter dem Enthüllungsdruck der Mode die Darstellung ihrer mehr oder weniger vorteilhaften Körperformen zu leisten hat, setzt "das Kopftuchmädchen" dem konsumierenden Blick beunruhigende Grenzen. (...) Das "Kopftuchmädchen" fungiert insofern als Projektionsfläche und Sündenbock für durchaus berechtigte Ängste, zugleich aber werden Opfer zu Tätern stilisiert.“ 
Monsterbeispiel II: "Der dicke Mensch" 
„Die Spielregeln der Political Correctness haben die soziale Diskriminierung nicht aufgehoben, falls dies je deren Zweck gewesen sein sollte, sondern in ihren Formen sublimiert, rationalisiert, moralisiert und diversifiziert. Der dicke Mensch erfährt diese monsterifizierende Stigmatisierung im Horizont einer Mode, die nicht die Schönheit des individuellen Körpers zum Vorschein bringt, sondern diesen mit der Abweichung vom BMI (Body Mass Index) konfrontiert.“ 
Monsterbeispiel III: "Der Terrorfürst" 
„Eine Lieblingsfigur der medialen Kommunikation ist seit dem 11. September 2001, neben dem "irren Diktator" (wie Saddam Hussein oder Muammar Al-Gaddafi), "der Terrorfürst". Er verkörpert das Monster des absolut Bösen, das einerseits bezüglich seiner Motive als gänzlich irrational, in der Wahl seiner Mittel aber andererseits als perfide, mit aller Macht der instrumentellen Vernunft ausgestattet, dargestellt wird.“ 
Monsterbeispiel IV: "Die Märkte" 
„Auch im Umgang mit der Weltfinanzkrise, die zur Staatsschuldenkrise umerzählt wurde, finden sich Elemente monsterifizierender Simplifikationen. Zum Bezugspunkt aller Diskussionen und Maßnahmen wurden "die Märkte" erklärt, denn eines galt als besonders bedrohlich, nämlich dass "die Märkte" "nervös" werden. Und "nervöse Märkte" könnten die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund reißen.“ 
Monsterbeispiel V: "Der Datenkrake" 
„Das aktuellste Monster in den Medien ist der Datenkrake. Nicht erst seit den Enthüllungen Edward Snowdens kritisieren Datenschützer, dass große Unternehmen, staatliche und geheimdienstliche Institutionen ihre Tentakel in alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens ausstrecken, um dort Informationen jeglicher Form abzugreifen. Die Vielarmigkeit des Kraken versinnbildlicht seine potenzielle Omnipräsenz, sein Korpus die Option einer zentralen Aggregation und Korrelation der gewonnenen Daten.“

Im Geiste der Aufklärung rufe ich hiermit zum Feldzug gegen die durch uns geschaffenen medialen Monster auf: Lasst sie uns in unbefristeten Urlaub schicken! Wir haben in der jetzigen Zeit die Chance, als Menschheit enger zusammenzurücken, d.h. aufeinander zugehen, Vorurteile abbauen, Gemeinsamkeiten entdecken, Gräben überwinden und schließlich zum Wohle aller gemeinsam agieren. Angst ist da kein guter Partner, sondern reist alte Wunden wieder auf. Die Monster können wir getrost in Urlaub schicken und deren Abwesenheit nutzen. Los geht's!

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