Dienstag, 22. Januar 2013

Social-Media-Storytelling - Du als Serie

Unser Mediennutzungsverhalten hat sich in den vergangenen Jahren durch das Aufkommen der Computer, des Internets und der Smartphones massiv verändert. Eine Flut an diversen Monitoren breiten sich im öffentlichen und privaten Raum aus. Die Dynamik stellt viele etablierte Medienhäuser vor Herausforderungen. Welche Auswirkungen hat die Dynamik auf die Inhalte, die auf den Monitoren betrachtet werden? Was interessiert uns? Wer produziert in Zukunft für wen?

Lange Zeit war der Fernsehschirm der einzige Monitor in einem Haushalt. Um ihn herum versammelte sich das Netzwerk Familie, um von Profis produzierte Sendungen gemeinsam anzuschauen. Lange Zeit galt das Fernsehen als „Lagerfeuer der Nation“ - der Fernsehschirm hatte ein Monitormonopol bei der häuslichen Bewegtbild-Mediennutzung. Das Aufkommen des Computers ermöglichte es einem zuallererst, geschäftliche Dinge am „Zweit-Monitor“ zu erledigen. Schreibmaschinen verschwanden aus den Büros und wurden durch Computerarbeitsplätze ersetzt. Dann kamen die Computerspiele. Das Betrachten von Unterhaltungssendungen, Filmen oder TV-Serien auf Computern wurde schließlich - u.a. mithilfe der Firma Apple - vorangetrieben. Parallel gewannen Web-2.0-Plattformen via YouTube, facebook & Co. an Relevanz, auf denen man sehr kostengünstig sich und seine Geschichten mit einem vernetzten Publikum teilen kann. Durch die Einführung von iPods und Smartphones wurde eine neue Monitorgattung eingeführt, die uns nun in der Bahn, in Supermärkten und am Arbeitsplatz tagtäglich begegnet. Inhalte, von Laien produziert, bekommen nun die gleiche Monitor-Bühne wie hochwertig produzierte Inhalte. Wir werden zu Programmdirektoren innerhalb unserer Netzwerke.

Wie reagieren Fernsehschaffende in Deutschland auf diese Trends? Es muss weiterhin Programmzeit gefüllt und Inhalte gefunden werden mit Sendungen, die ein breites Publikum ansprechen und sich finanziell rechnen. Man programmiert schließlich Sendezeit mit Themen seines eigenen Publikums in Form von Talk-, Gerichts- und Castingsshows sowie Scripted Reality-Formaten. Dies soll scheinbar den inhaltlichen Graben zwischen Sender und Publikum überbrücken und einer Entfremdung von Fernsehschaffenden und seinem Publikum vorbeugen. Durch das Einsparen der Entwicklungskosten und der Gagen der Schauspieler bleibt das Programm rentabel, allerdings auf Kosten der inhaltlichen Qualität. Eine Konsequenz: Den TV-Sendern laufen seit Jahren die Zuschauer weg.

Innovative TV-Formate mit weltweiter Publikumsresonanz entstehen woanders: In den USA wandelt sich die klassische TV-Serie zum epischen TV-Roman. Was früher die Buddenbrooks in Buchform waren, sind nun die Desperate Housewives oder die Geeks von The Big Bang Theory. US-TV-Serienproduktionen nutzen die Medienzeit, die das Publikum ihnen schenkt, um die Biografien der einzelnen Charaktere auszubreiten. Das Publikum kann so seine Lebenszeit mit diesen Charakteren teilen. Die Profis produzieren, das Publikum bleibt über die Social-Media-Kanäle direkte Qualitätssicherungs-Instanz für die Produzenten.

Wohin wird dies führen? Social-Media-Plattformen werden unsere Medienzeitbudgets immer mehr in Anspruch nehmen. Ob als Startseite im Internet Explorer oder als App auf dem Smarthphone - facebook ist erste Anlaufstelle für uns im Web. Jede und jeder von uns sammelt und verwaltet dort seine Kontakte. Wir verknüpfen uns mit Freunden, Bekannten, Geschäftskollegen. Wie in einem Dorf weiß jede bzw. jeder über jede und jeden bescheid. Somit werden wir mit unserer facebook-Chronik immer mehr zum Hauptdarsteller unserer eigenen Serie mit einem sich für uns interessierenden Publikum. Wir begleiten unsere Freunde durch ihren Alltag und werden durch unseren begleitet. Eine eigene Medienrealität entsteht. Das, was früher Seriencharaktere durchlebt haben, erleben wir nun als Produzenten und Zuschauer in einem.

Beispiel: Ein Freund arbeitet auf einem Kreuzfahrtschiff und dokumentierte seine Reise für uns auf seiner facebook-Chronik. Wie beim klassischen Traumschiff fahren wir mit ihm um die Welt. Wir freuen uns über schöne Bilder von exotischen Reisezielen und bangen mit ihm, wenn er mit dem Kreuzfahrtschiff an der somalischen Küste vorbeifährt. Jede Reise ist eine „Staffel“ und hat einen in sich geschlossenen Spannungsbogen. Das ist Social-Media-Storytelling - Du als Serie.

Beim Social-Media-Storytelling gibt es keine Drehbücher mehr. Privatsphäre ist der Drehplan. Unser Tablet/ Smartphone ist der Monitor. Unsere Freunde dokumentieren für uns ihre Erlebnisse und wir haben die Möglichkeit, ob durch Text, Foto oder Film, am Leben der Netzwerk-Freunde teilzuhaben - mit der Chancen der Interaktion. Somit begleiten wir nicht mehr Dr. House durch sein fiktives Leben, sondern Freunde, die man persönlich kennt - z.B. DICH.